Warum wir Hunde oft schneller interpretieren, als wir sie beobachten. Was die Wissenschaft über ihre Ausdruckssprache weiß und weshalb genaues Hinsehen die Grundlage für ein gutes Miteinander ist.
Ein Hund sieht einen anderen Hund und bleibt stehen.
Er richtet seinen Körper auf, schließt das Maul und schaut sein Gegenüber an. Dann wendet er den Kopf ab und beginnt zu schnüffeln.
Was haben wir gerade gesehen?
Einen selbstbewussten Hund? Einen unsicheren? Einen, der den anderen beschwichtigen möchte? Oder schlicht einen Hund, der etwas Interessantes entdeckt hat?
Wir wissen es nicht.
Zumindest noch nicht.
Und genau hier beginnt für mich der Unterschied zwischen dem Erkennen eines Signals und dem Verstehen von Verhalten.
Wir Menschen möchten gerne wissen, was ein Hund uns sagen will. Also lernen wir, dass Gähnen auf Stress hinweisen kann, Wedeln Freude ausdrückt und das Abwenden des Kopfes der Beschwichtigung dient.
Nur halten sich Hunde nicht immer an unsere Übersetzungshilfen.
Ein wedelnder Hund kann hoch erregt sein, ohne freundlich gestimmt zu sein. Ein erstarrter Hund kann äußerlich ruhig wirken, obwohl seine Anspannung gerade deutlich zunimmt. Und ein Hund, der schnüffelt, kann tatsächlich einfach nur einem Geruch folgen.
Die spannende Frage ist deshalb nicht allein, welches Signal wir erkennen.
Sondern was davor passiert ist, welche weiteren Veränderungen wir beobachten, wie sich die Situation entwickelt und was wir über diesen individuellen Hund wissen.
Körpersprache zu verstehen bedeutet nicht, möglichst viele Signale übersetzen zu können. Sondern genauer hinzusehen, bevor wir zu wissen glauben, was ein Hund uns zeigt.
Erst beobachten. Dann beschreiben. Und erst danach interpretieren.
Es klingt einfach. Ist es aber oft gar nicht.
Wir Menschen neigen dazu, Verhalten unmittelbar mit einer Bedeutung zu versehen.
Ein Hund ist unsicher. Ein anderer ist dominant. Der nächste will provozieren. Und der, der gerade knurrt, ist aggressiv.
Aber was haben wir tatsächlich gesehen?
Vielleicht hat ein Hund sein Maul geschlossen, seine Bewegungen verlangsamt, das Gewicht nach vorne verlagert und den Blick auf einen anderen Hund gerichtet.
Das können wir beschreiben.
Ob er sich bedroht fühlt, neugierig ist, Abstand herstellen möchte oder eine andere Motivation hinter seinem Verhalten steht, wissen wir damit noch nicht.
Wir können Vermutungen anstellen. Und wir können versuchen, sie anhand weiterer Beobachtungen zu überprüfen.
Was ist vorher passiert? Welche Veränderungen zeigt der Hund? Wie verhält er sich, wenn sich die Situation verändert? Und kennen wir vergleichbare Reaktionen von ihm?
Für mich gehört diese Unterscheidung zum Fundament einer sorgfältigen Verhaltensbeobachtung.
Erst beschreiben, was wir sehen. Dann überlegen, was es bedeuten könnte.
Denn sobald wir glauben zu wissen, weshalb ein Hund etwas tut, laufen wir Gefahr, nur noch das wahrzunehmen, was unsere Erklärung bestätigt.
Manchmal sagt uns ein Hund mit seinem Verhalten etwas anderes, als wir zunächst angenommen haben.
Wir müssen bereit sein, das zu erkennen.

Wie zuverlässig lesen wir Menschen Hunde überhaupt?
Dass wir Hunde nicht immer so gut verstehen, wie wir glauben, ist inzwischen auch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
Eine 2024 veröffentlichte Studie von Guo, Correia-Caeiro und Mills untersuchte, wie 447 Menschen verschiedene emotionale Ausdrucksformen von Hunden anhand kurzer Videos einordneten.
Die Teilnehmenden sahen entweder den Gesichtsbereich oder Gesicht und Körper gemeinsam.
Das Ergebnis war differenziert.
Bei manchen emotionalen Ausdruckskategorien half der sichtbare Körper, bei anderen lieferte das Gesicht besonders wichtige Hinweise. Insgesamt konnten zusätzliche Körpersignale die Einordnung verbessern. Gleichzeitig kam es zu bemerkenswerten Verwechslungen: Ausdrucksformen, die einer Kategorie wie Angst zugeordnet waren, wurden beispielsweise teilweise als Freude oder Traurigkeit eingeordnet.
Die Studie zeigt damit auch die Grenzen unseres Verständnisses. Die Forschenden überprüften, wie gut Menschen die für die Videos festgelegten Emotionskategorien erkannten. Was ein Hund subjektiv empfindet, lässt sich damit nicht unmittelbar messen.
Eine Untersuchung von Correia-Caeiro und Kollegen aus dem Jahr 2021 betrachtete etwas anderes: Wohin schauen Hunde und Menschen überhaupt, wenn sie emotionales Ausdrucksverhalten wahrnehmen?
Mithilfe von Blickbewegungsmessungen untersuchten die Forschenden 129 Menschen und 92 Hunde.
Während die Menschen ihre Aufmerksamkeit vor allem auf den Kopf richteten, betrachteten die Hunde bei den gezeigten Videos vergleichsweise stärker den Körper.
Interessant war auch, dass die Menschen emotionale Ausdrucksformen von Hunden besser einordneten, wenn sie mehr Aufmerksamkeit auf deren Körpersignale verwendeten.
Vielleicht liegt hier bereits ein Teil unseres Problems.
Wir suchen im Gesicht nach Antworten, während wichtige Informationen in der gesamten Haltung, der Bewegung und der räumlichen Orientierung liegen.
Wer einen Hund verstehen möchte, sollte nicht nur sein Gesicht ansehen. Sondern den ganzen Hund.

Körpersprache ist kein Vokabelheft
Natürlich gibt es sichtbare Verhaltensweisen, die wir erkennen und beschreiben können.
Die Ohren verändern ihre Stellung. Die Rute bewegt sich. Der Blick wird abgewendet. Ein Hund verlagert seinen Körperschwerpunkt, zeigt seine Zähne, öffnet oder schließt sein Maul, erstarrt oder verändert seine Bewegungen.
Diese Beobachtungen sind wertvoll.
Schwierig wird es, wenn wir ihnen eine feste Bedeutung zuweisen.
Denn die Stellung einer Rute hängt auch von der Anatomie des Hundes ab. Manche Hunde tragen ihre Rute von Natur aus hoch, andere tief oder eingerollt. Wie weit sich die Ohren bewegen können, unterscheidet sich ebenfalls erheblich.
Bei Hunden mit stark veränderten Körperproportionen, sehr kurzen Fangpartien, ausgeprägten Hautfalten oder anderen zuchtbedingten Besonderheiten können Teile des Ausdrucksverhaltens zusätzlich schwerer zu erkennen sein.
Und wir Menschen übersehen leicht, dass Veränderungen häufig mehr aussagen als die absolute Position eines Körperteils.
Eine hoch getragene Rute ist deshalb nicht automatisch ein Ausdruck von Selbstbewusstsein. Eine niedrige Körperhaltung bedeutet nicht immer Angst. Und ein offenes Maul allein sagt noch nichts Verlässliches darüber aus, wie entspannt ein Hund ist.
Ich möchte wissen, wie sich dieser Hund normalerweise bewegt.
Wie sieht seine Körperhaltung aus, wenn er entspannt ist? Wie verändert sich sein Blick, wenn ihn etwas interessiert? Was geschieht mit seiner Atmung, wenn eine Situation schwieriger wird?
Erst mit solchen Vergleichsmöglichkeiten bekommen einzelne Beobachtungen mehr Bedeutung.
Der Mythos vom fröhlichen Rutewedeln
Kaum eine Vorstellung über Hunde hält sich so hartnäckig wie diese:
Wenn ein Hund mit dem Schwanz wedelt, freut er sich.
Dabei sagt eine Rutenbewegung zunächst einmal, dass sich die Rute bewegt.
Welche emotionale Bedeutung das hat, lässt sich daraus allein nicht sicher ableiten.
Wissenschaftlich ist das durchaus interessant.
Bereits frühere Untersuchungen zeigten, dass die Richtung von Rutenbewegungen je nach emotional bedeutsamem Reiz unterschiedlich ausfallen kann.
Siniscalchi und Kollegen gingen 2013 noch einen Schritt weiter. Sie untersuchten, wie Hunde auf Videoaufnahmen anderer Hunde reagierten, deren Rutenbewegungen überwiegend nach links oder rechts gerichtet waren.
Die beobachtenden Hunde zeigten bei überwiegend linksgerichteten Bewegungen eine höhere Herzaktivität und mehr angstbezogene Verhaltensreaktionen als bei überwiegend rechtsgerichteten Bewegungen.
Das deutet darauf hin, dass Hunde selbst feine Unterschiede in den Rutenbewegungen anderer Hunde wahrnehmen können.
Allerdings wäre es ein Fehler, daraus eine neue Faustregel für den Alltag abzuleiten.
„Wedelt nach rechts, also freundlich“ wäre lediglich die nächste vereinfachte Übersetzung. Aus einem kontrollierten Experiment entsteht noch kein zuverlässiger Schnelltest für Hundebegegnungen.
Entscheidend bleibt, wie sich die Rute im Zusammenspiel mit Körperhaltung, Bewegung, Mimik, räumlicher Orientierung und Situation zeigt.
Ein Hund kann mit der Rute wedeln und trotzdem Abstand brauchen.
Wedeln ist Bewegung. Freude ist eine mögliche Interpretation.
Was verändert sich, bevor Verhalten deutlich wird?
Für mich ist das eine der wichtigsten Fragen überhaupt.
Stellen wir uns eine Begegnung vor.
Ein Hund läuft zunächst locker an der Leine. Er schnüffelt, sein Bewegungsablauf ist fließend, seine Aufmerksamkeit wechselt zwischen Umwelt und Mensch.
Dann taucht ein anderer Hund auf.
Der erste Hund hebt den Kopf. Seine Bewegungen werden langsamer. Er schließt das Maul. Seine Muskeln wirken angespannter. Vielleicht richtet er sich stärker nach vorne aus.
Noch bellt er nicht. Er springt nicht in die Leine. Von außen sieht die Situation vielleicht sogar ausgesprochen ruhig aus.
Aber sein Ausdrucksverhalten hat sich verändert.
Das ist zunächst eine Beobachtung, keine fertige Erklärung.
Wir wissen noch nicht, ob er sich bedroht fühlt, neugierig ist, eine Annäherung erwägt oder bereits eine schwierige Erfahrung mit ähnlichen Situationen verbindet.
Wir können aber genauer hinschauen.
Verlangsamt er seine Bewegung weiter? Kann er den Blick lösen? Bleibt er ansprechbar? Wie verändert sich sein Verhalten, wenn die Distanz größer wird?
Und besonders wichtig: Welche Möglichkeiten hat er, die Situation selbst mitzugestalten?
Vielleicht entscheidet er sich für einen Bogen. Vielleicht schnüffelt er wieder. Vielleicht bleibt er stehen oder sucht Orientierung bei seinem Menschen.
All das hilft uns, eine erste Einschätzung zu überprüfen.
Wer erst reagiert, wenn ein Hund laut wird oder nach vorne springt, sieht möglicherweise nur den letzten Abschnitt einer viel längeren Entwicklung.
Je früher wir Veränderungen wahrnehmen, desto mehr Möglichkeiten haben wir, eine Situation sinnvoll zu gestalten.
Nicht jede Veränderung ist ein Warnzeichen.
Aber sie ist eine Information.
Wenn der Kontext uns in die Irre führt
Dass wir den Zusammenhang berücksichtigen müssen, gehört heute fast schon zum Grundwissen über Hundeverhalten.
Interessanterweise zeigt neuere Forschung aber, dass auch der Kontext unsere Wahrnehmung verzerren kann.
Molinaro und Wynne untersuchten 2025 in zwei Experimenten, wie Menschen die Gefühle eines Hundes anhand von Videos einschätzten.
In einem Experiment wurde derselbe Hund in unterschiedlichen Situationen gezeigt, teilweise mit und teilweise ohne sichtbaren Hintergrund.
Im zweiten Experiment veränderten die Forschenden die Videos so, dass das Verhalten des Hundes mit einem unpassenden situativen Zusammenhang kombiniert wurde.
Die Bewertungen der Teilnehmenden veränderten sich dadurch erheblich.
Besonders aufschlussreich: Wenn im Hintergrund ein Mensch etwas vermeintlich Positives tat, wurde das Verhalten des Hundes positiver bewertet, unabhängig davon, in welcher Situation es ursprünglich aufgenommen worden war.
Die Studie untersuchte Videomaterial eines einzelnen Hundes und erlaubt deshalb keine allgemeingültigen Aussagen darüber, wie Menschen jeden Hund einschätzen.
Aber sie macht etwas sehr anschaulich:
Wir interpretieren nicht nur das Verhalten des Hundes. Wir interpretieren auch unsere Vorstellung davon, was die Situation für ihn bedeuten müsste.
Wenn ein Mensch einen Hund umarmt, unterstellen wir leicht Zuneigung und Wohlbefinden.
Wenn ein Hund beim Tierarzt steht, erwarten wir möglicherweise Angst.
Und wenn ein Hund einen anderen Menschen begeistert begrüßt, nehmen wir vielleicht gar nicht wahr, wie angespannt oder überfordert er gleichzeitig sein könnte.
Kontext ist deshalb wichtig.
Aber wir dürfen ihn nicht mit einer bereits feststehenden Erklärung verwechseln.
Die Frage lautet nicht: „Wie müsste sich der Hund in dieser Situation fühlen?“
Sondern: „Was zeigt er tatsächlich? Und welche Informationen fehlen mir noch?“
Calming Signals: Hilfreiche Beobachtungen, aber keine universellen Übersetzungen
Der Begriff „Calming Signals“ hat wesentlich dazu beigetragen, feine Verhaltensweisen von Hunden in das Bewusstsein vieler Menschen zu rücken.
Kopfabwenden, Nasenlecken, Gähnen, Erstarren oder das Abwenden des Körpers wurden dadurch verstärkt als mögliche Bestandteile sozialer Kommunikation wahrgenommen.
Das halte ich für wertvoll.
Die Frage ist nur, welche Funktion diese Verhaltensweisen tatsächlich haben.
Eine Pilotstudie von Mariti und Kollegen aus dem Jahr 2017 untersuchte sogenannte Calming Signals in Hundebegegnungen.
24 Hunde wurden jeweils in mehreren Begegnungen mit bekannten und unbekannten Artgenossen beobachtet. Insgesamt dokumentierten die Forschenden 2.130 der untersuchten Verhaltensweisen.
Diese traten häufiger während sozialer Interaktionen als außerhalb davon auf, besonders in Begegnungen mit unbekannten Hunden. Die Forschenden fanden außerdem Hinweise darauf, dass solche Verhaltensweisen im Zusammenhang mit einer Verringerung aggressiver Reaktionen stehen können.
Das spricht dafür, dass zumindest einige dieser Signale kommunikative Funktionen erfüllen können.
Es bedeutet aber nicht, dass jedes Gähnen eine Beschwichtigung ist oder jedes Schnüffeln einen Konflikt entschärfen soll.
Schon gar nicht wissen wir dadurch automatisch, mit welcher Absicht ein einzelner Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt.
Ein Hund kann aus Müdigkeit gähnen. Er kann nach körperlicher Belastung hecheln. Er kann schnüffeln, weil ein Geruch interessant ist. Und er kann sich abwenden, weil er etwas anderes wahrnimmt.
Auch physiologische Vorgänge, Schmerzen oder allgemeine Erregung können das Ausdrucksverhalten beeinflussen, ohne dass jedes sichtbare Signal eine gezielt an jemanden gerichtete Botschaft sein muss.
Die Beobachtung bleibt trotzdem wertvoll.
Wir sollten nur nicht aus jeder Beobachtung sofort eine Absicht machen.
Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen einem hilfreichen Konzept und einer starren Deutungsschablone.

Wenn Kommunikation Konsequenzen haben darf
Was folgt nun aus all diesen Überlegungen für unseren Umgang mit Hunden?
Für mich gehört zu kooperativem Training, dass Kommunikation Konsequenzen haben darf.
Wenn ein Hund zeigt, dass er eine Annäherung gerade nicht möchte, sollte es einen Unterschied machen, ob sein Mensch das erkennt.
Wenn er vor einer fremden Person zurückweicht, müssen wir die Situation nicht durch weiteres Annähern schwieriger machen.
Wenn er beim Anfassen seinen Körper abwendet, erstarrt oder wiederholt versucht, sich zu entfernen, sollten wir nicht automatisch davon ausgehen, dass er die Berührung genießen wird, sobald er sich daran gewöhnt hat.
Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung von Walsh und Kollegen betrachtete populäre Onlinevideos, in denen Menschen mit Hunden spielten, sie streichelten oder umarmten.
Die Forschenden identifizierten zahlreiche Verhaltensweisen, die auf Belastung oder konflikthafte Interaktionen hindeuten können.
Die Auswahl populärer Internetvideos ist nicht repräsentativ für alle Mensch-Hund-Beziehungen. Die Untersuchung kann also nicht zeigen, wie häufig solche Situationen insgesamt auftreten.
Sie macht aber auf ein relevantes Problem aufmerksam: Menschen können ihre eigenen freundlichen Absichten für wichtiger halten als die Reaktion des Hundes.
Dabei ist gut gemeint nicht automatisch gut angekommen.
Gerade hier kann genaues Beobachten viel verändern.
Vielleicht braucht der Hund mehr Abstand. Vielleicht eine Pause. Vielleicht die Möglichkeit, selbst Kontakt aufzunehmen oder eine Berührung zu beenden.
Das bedeutet nicht, dass wir Schwierigkeiten grundsätzlich vermeiden oder jeden Wunsch eines Hundes erfüllen müssen.
Es bedeutet, dass wir seine Reaktionen ernst nehmen und Bedingungen schaffen, unter denen er neue Erfahrungen machen und lernen kann.
Auch Knurren gehört dazu.
Wenn ein Hund knurrt, liefert er uns eine wichtige Information. Vielleicht möchte er Abstand herstellen, vielleicht eine Ressource sichern oder eine andere unangenehme Situation beenden.
Das Verhalten kann Risiken mit sich bringen und erfordert gegebenenfalls geeignete Sicherungsmaßnahmen.
Aber allein das Knurren zu unterbinden, bedeutet noch nicht, dass seine Ursache verschwunden ist.
Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass wir Ausdrucksverhalten übergehen. Sondern dadurch, dass wir es wahrnehmen und angemessen darauf reagieren.
Auch Entspannung müssen wir verstehen lernen
Genauer hinschauen bedeutet übrigens nicht, ständig nach Belastung, Unsicherheit oder Konflikten zu suchen.
Mindestens genauso wichtig ist die Frage, woran wir erkennen, dass eine Situation für unseren Hund wieder leichter wird.
Vielleicht verändert sich seine Atmung. Seine Bewegungen werden fließender. Er nimmt wieder Kontakt zur Umwelt auf, beginnt zu schnüffeln, löst den Blick oder kann sich anderen Dingen zuwenden.
Manche Hunde schütteln sich nach einer angespannten Situation. Andere suchen Ruhe oder bewegen sich zunächst mehr.
Auch hier gilt: Kein einzelnes Verhalten beweist, dass ein Hund entspannt ist.
Aber im Verlauf einer Situation können wir wichtige Veränderungen erkennen.
Und wir können lernen, was unserem Hund hilft, wieder handlungsfähiger zu werden.
Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied zwischen dem bloßen Erkennen von Körpersignalen und einem wirklichen Verständnis von Verhalten.
Es geht nicht nur darum, eine Belastung festzustellen.
Es geht darum, den Hund so gut kennenzulernen, dass wir verstehen, wann er Unterstützung braucht, welche Möglichkeiten ihm helfen und wann er bereit ist, neue Erfahrungen zu machen.
Wir trainieren immer den Hund, der heute vor uns steht
Selbst wenn wir einen Hund seit vielen Jahren kennen, ist unsere Einschätzung nie endgültig.
Ein Hund kann heute müde sein, Schmerzen haben oder von einem vorherigen Erlebnis noch angespannt sein.
Er kann eine Begegnung, die gestern gut funktioniert hat, heute schwierig finden.
Erfahrungen verändern Verhalten. Gesundheit beeinflusst Verhalten. Und auch die Fähigkeit, mit bestimmten Situationen umzugehen, ist nicht an jedem Tag gleich.
Darum ist der Satz für mich so wichtig:
Wir trainieren immer den Hund, der heute vor uns steht.
Nicht den Hund, der gestern eine Übung problemlos gemeistert hat.
Nicht den Hund, von dem wir glauben, dass er diese Situation inzwischen bewältigen können müsste.
Und auch nicht den Hund, den wir aufgrund seiner Rasse, seiner Vorgeschichte oder einer früheren Verhaltensbeschreibung zu kennen glauben.
Sondern den, dessen Verhalten wir gerade beobachten.
Was kann er heute leisten? Was fällt ihm schwer? Welche Möglichkeiten hat er? Was hilft ihm? Und woran erkennen wir, dass wir auf einem guten Weg sind?
Vielleicht müssen wir unsere erste Einschätzung korrigieren.
Das ist kein Zeichen mangelnder Kompetenz.
Im Gegenteil.
Wer Verhalten verstehen möchte, muss bereit sein, genauer hinzusehen und aus neuen Beobachtungen zu lernen.
Beobachten und beschreiben ist nicht die Vorstufe zum Verstehen. Es ist die Voraussetzung dafür.
Und manchmal beginnt ein besseres Miteinander genau dort, wo wir aufhören, vorschnell zu wissen, was unser Hund uns sagen möchte.
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur
Menschliche Wahrnehmung und Interpretation
- Guo, K., Correia-Caeiro, C. & Mills, D. S. (2024): Category-dependent contribution of dog facial and bodily cues in human perception of dog emotions. Applied Animal Behaviour Science, 280, 106427.
- Molinaro, H. G. & Wynne, C. D. L. (2025): Barking Up the Wrong Tree: Human Perception of Dog Emotions Is Influenced by Extraneous Factors. Anthrozoös, 38(2), 349–370.
- Correia-Caeiro, C., Guo, K. & Mills, D. S. (2021): Bodily emotional expressions are a primary source of information for dogs, but not for humans. Animal Cognition, 24, 267–279.
Rutenbewegungen, Mimik und visuelle Kommunikation
- Siniscalchi, M., Lusito, R., Vallortigara, G. & Quaranta, A. (2013): Seeing Left- or Right-Asymmetric Tail Wagging Produces Different Emotional Responses in Dogs. Current Biology, 23(22), 2279–2282.
- Kaminski, J., Hynds, J., Morris, P. & Waller, B. M. (2017): Human attention affects facial expressions in domestic dogs. Scientific Reports, 7, 12914.
- Siniscalchi, M., D’Ingeo, S., Minunno, M. & Quaranta, A. (2018): Communication in Dogs. Animals, 8(8), 131. Wissenschaftliche Übersichtsarbeit.
Calming Signals und Mensch-Hund-Interaktion
- Mariti, C. et al. (2017): Analysis of the intraspecific visual communication in the domestic dog (Canis familiaris): A pilot study on the case of calming signals. Journal of Veterinary Behavior, 18, 49–55.
- Walsh, E. A. et al. (2024): Human-dog communication: How body language and non-verbal cues are key to clarity in dog directed play, petting and hugging behaviour by humans. Applied Animal Behaviour Science, 272, 106206.
Genauer hingeschaut
Körpersprache zu verstehen ist die Grundlage dafür, Veränderungen rechtzeitig wahrzunehmen.
Wie sich Belastung früh entwickeln kann und warum manche Hunde schon lange vor einem deutlichen Verhalten Unterstützung brauchen, erfährst Du in unserem Beitrag „Wenn Stress sichtbar wird, bevor Verhalten groß wird“.
Und warum gerade große, kräftige Hunde häufig anders wahrgenommen werden, als sie sich tatsächlich ausdrücken, betrachten wir in „Großer Hund. Kleine Signale.“.
Wissenschaftliche Einordnung: Die dargestellten Untersuchungen zeigen unterschiedliche Aspekte der Kommunikation, Wahrnehmung und Verhaltensinterpretation. Experimentelle Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres in feste Regeln für die Beurteilung einzelner Hunde übertragen.
