Trauma

Trauma beim Hund. Wenn Erfahrungen Spuren hinterlassen.

Von

Was belastende Erfahrungen bei Hunden bewirken können, was die Wissenschaft darüber weiß und wie wir ihnen helfen können.

Nicht jeder ängstliche Hund ist traumatisiert. Aber nicht jedes Trauma ist offensichtlich.

Ein Hund duckt sich, wenn sich eine Hand nähert. Ein anderer erstarrt bei fremden Menschen. Wieder ein anderer reagiert auf Situationen, die für uns vollkommen harmlos erscheinen, mit großer Angst oder heftiger Abwehr.

Manchmal kennen wir die Vorgeschichte. Manchmal können wir nur vermuten, was der Hund erlebt haben könnte.

Und manchmal waren wir sogar selbst dabei.

Ein Unfall. Eine schmerzhafte Behandlung beim Tierarzt. Ein beängstigendes Erlebnis in einer Hundepension. Vielleicht auch ein unglückliches Missgeschick im eigenen Zuhause, das niemand vorhersehen konnte.

Plötzlich ist etwas anders.

Der Hund möchte nicht mehr ins Auto steigen. Er lässt sich an bestimmten Körperstellen nicht mehr berühren. Er reagiert auf Geräusche, die ihn früher nicht interessiert haben. Oder er wirkt insgesamt angespannter, schreckhafter und weniger zugänglich.

Was ist passiert? Hat dieses Erlebnis Spuren hinterlassen? Und wie können wir ihm helfen, wieder mehr Sicherheit zu gewinnen?

Die gute Nachricht ist: Wir wissen heute einiges darüber, wie belastende Erfahrungen das Verhalten von Hunden beeinflussen können. Und wir haben Möglichkeiten, sie dabei zu unterstützen, mit ihren Schwierigkeiten besser zurechtzukommen.

Dafür müssen wir nicht jede Einzelheit ihrer Vergangenheit kennen.

Wenn eine Erfahrung mehr ist als nur ein Schreck

Stress gehört zum Leben. Er hilft dem Organismus, auf Anforderungen zu reagieren, Energie bereitzustellen und sich an Veränderungen anzupassen.

Auch Angst hat eine wichtige Funktion. Sie warnt vor möglichen Gefahren und kann uns davor schützen, Schaden zu nehmen.

Nicht jede unangenehme Erfahrung ist deshalb ein Trauma. Und nicht jede starke Angstreaktion führt zu langfristigen Schwierigkeiten.

Besonders belastend können jedoch Situationen werden, in denen ein Hund außergewöhnlich große Bedrohung erlebt, keine ausreichenden Bewältigungsmöglichkeiten hat oder sich dem Geschehen nicht entziehen kann.

Dabei kommt es nicht allein darauf an, was objektiv passiert ist.

Ein Ereignis, das wir Menschen als vergleichsweise harmlos betrachten, kann für einen Hund ausgesprochen beängstigend sein. Umgekehrt bewältigen manche Hunde Situationen erstaunlich gut, die wir selbst als sehr belastend einschätzen würden.

Die individuelle Erfahrung macht einen Unterschied.

Ein Hund, der bei einer Untersuchung festgehalten wird und Schmerzen empfindet, kann beispielsweise lernen, dass bestimmte Berührungen oder die Tierarztpraxis Gefahr ankündigen. Besonders dann, wenn er keine Möglichkeit hatte, die Situation zu beeinflussen.

Ein anderer Hund erlebt dieselbe Untersuchung möglicherweise als unangenehm, zeigt anschließend aber keine längerfristigen Veränderungen.

Warum reagieren Hunde so unterschiedlich?

Ihre genetischen Voraussetzungen, bisherigen Lernerfahrungen, die körperliche Verfassung und ihre sozialen Beziehungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Intensität und Dauer des Erlebnisses.

Und auch das, was danach geschieht, kann bedeutsam sein.

Eine belastende Erfahrung muss nicht zwangsläufig dauerhafte Folgen haben. Aber wir sollten aufmerksam werden, wenn sie das Verhalten und das Wohlbefinden eines Hundes nachhaltig verändert.

Trauma ist nicht nur ein Thema für Tierschutzhunde

Wenn wir über traumatisierte Hunde sprechen, denken viele zunächst an Hunde aus schlechter Haltung, an Misshandlung, Vernachlässigung oder eine unbekannte Vergangenheit im Tierschutz.

Diese Erfahrungen können tatsächlich erhebliche Belastungen darstellen.

Aber traumatische Erfahrungen sind nicht an eine bestimmte Herkunft gebunden.

Auch ein Hund, der seit seiner Welpenzeit liebevoll und aufmerksam begleitet wird, kann etwas erleben, das seine Möglichkeiten zur Bewältigung übersteigt.

Ein Autounfall, eine Attacke durch einen anderen Hund, ein schmerzhaftes medizinisches Ereignis oder eine Situation, in der er sich massiv bedroht fühlt.

Manchmal lässt sich eine Veränderung zeitlich gut zuordnen.

Vor dem Ereignis war der Hund unbeschwert. Danach zeigt er plötzlich Verhaltensweisen, die seine Menschen nicht von ihm kennen.

In anderen Fällen entwickelt sich eine starke Unsicherheit allmählich. Vielleicht gab es mehrere belastende Erfahrungen. Vielleicht wirken frühe Entwicklungsbedingungen und spätere Lernerfahrungen zusammen.

Gerade bei Tierschutzhunden bleibt vieles davon unbekannt.

Was wir aber nicht tun sollten: Eine unbekannte Vorgeschichte automatisch mit einer traumatischen Vergangenheit gleichsetzen.

Ein Hund kann aus dem Tierheim kommen und psychisch ausgesprochen widerstandsfähig sein. Ein anderer kann in einem liebevollen Zuhause aufwachsen und dennoch unter den Folgen eines belastenden Ereignisses leiden.

Die Herkunft eines Hundes erzählt einen Teil seiner Geschichte. Sie erklärt nicht seine gesamte Persönlichkeit.

Was die Wissenschaft inzwischen herausgefunden hat

Dass belastende Erfahrungen langfristige Auswirkungen auf Hunde haben können, ist inzwischen wissenschaftlich gut begründet.

Eine besonders interessante Untersuchung erschien im Oktober 2025 in der Fachzeitschrift Scientific Reports.

Julia Espinosa und ihr Forschungsteam analysierten Daten von 4.497 Hunden. Dabei untersuchten sie unter anderem den Zusammenhang zwischen belastenden Erfahrungen in den ersten sechs Lebensmonaten und späterem Angst- und Aggressionsverhalten.

Hunde, für die solche frühen Belastungen berichtet wurden, zeigten im Erwachsenenalter durchschnittlich höhere Werte für Ängstlichkeit und Aggressionsverhalten.

Die Ergebnisse weisen außerdem darauf hin, dass erbliche Faktoren und individuelle Erfahrungen zusammenwirken.

Das ist wichtig: Zwei Hunde müssen auf ähnliche Erfahrungen nicht gleich reagieren.

Die Untersuchung beruht auf Angaben der Bezugspersonen und kann deshalb keine eindeutigen Ursachen für das Verhalten eines einzelnen Hundes nachweisen. Sie zeigt aber, dass frühe Belastungen ein relevanter Faktor für die spätere Verhaltensentwicklung sein können.

Eine weitere Studie von Alicia Buttner und Kolleginnen aus dem Jahr 2023 untersuchte 45 Hunde, von denen 23 aus nachweislich belastenden Haltungsbedingungen stammten.

Diese Hunde reagierten häufiger ängstlich auf eine bedrohlich auftretende fremde Person.

Interessant war aber auch etwas anderes: In Anwesenheit ihrer vertrauten Bezugsperson zeigten die Hunde mit belastender Vorgeschichte mehr Körperkontakt, soziale Orientierung und entspannteres Verhalten.

Die Untersuchung ist klein und lässt keine allgemeingültigen Aussagen über jeden Hund zu.

Dennoch liefert sie wertvolle Hinweise darauf, dass belastende Erfahrungen das Sozialverhalten prägen können und vertraute Menschen gleichzeitig eine wichtige unterstützende Rolle spielen können.

Für mich steckt darin eine sehr ermutigende Erkenntnis.

Schlechte Erfahrungen mit Menschen müssen nicht bedeuten, dass ein Hund kein Vertrauen mehr zu Menschen entwickeln kann.

Wenn das Nervensystem in Alarmbereitschaft bleibt

Um mögliche Traumafolgen besser zu verstehen, hilft ein Blick auf die Stressphysiologie.

Wird eine Situation als bedrohlich wahrgenommen, verändert sich die Aktivität verschiedener körperlicher Systeme.

Herzschlag, Atmung und Muskelspannung können zunehmen. Aufmerksamkeit und Energie werden auf die Bewältigung der vermeintlichen Gefahr ausgerichtet.

Dabei spielen das autonome Nervensystem und die hormonelle Stressregulation eine wichtige Rolle.

Auch die Verarbeitung von Erinnerungen, die Wahrnehmung emotional bedeutsamer Reize und die Regulation von Verhalten sind beteiligt.

Im Normalfall kann sich der Organismus nach einer Belastung wieder erholen.

Bei anhaltendem oder wiederholtem Stress können sich diese Regulationsprozesse verändern.

Manche Hunde wirken dann dauerhaft wachsam, reagieren besonders schnell auf Reize oder brauchen lange, bis sie sich nach einer aufregenden Situation wieder beruhigen.

Andere ziehen sich zurück, zeigen wenig Initiative oder wirken in belastenden Momenten wie eingefroren.

Wichtig ist, dass auch ein Hund, der sich kaum bewegt, nicht zwangsläufig entspannt sein muss.

Die Stressforschung beschäftigt sich intensiv mit diesen Zusammenhängen. In meinen Weiterbildungen zur Trauma-Kompetenz waren unter anderem die Neurobiologie, die Stressregulation und die Auswirkungen belastender Erfahrungen auf das Nervensystem zentrale Themen.

Dabei orientiere ich mich besonders an der wissenschaftlichen Arbeit von Dr. Sandra Foltin.

Eine ihrer 2026 veröffentlichten Untersuchungen beschäftigt sich mit Cortisolwerten von Therapiebegleithunden in der Ukraine und Deutschland.

Die Ergebnisse machen deutlich, wie komplex die Interpretation körperlicher Stressreaktionen sein kann. Beispielsweise wiesen die untersuchten ukrainischen Hunde niedrigere Cortisolkonzentrationen im Urin auf als die deutsche Vergleichsgruppe.

Daraus lässt sich nicht schließen, dass diese Hunde weniger belastet waren. Ebenso wenig beweisen die Werte eine Traumafolgestörung. Die Untersuchung gibt vielmehr Anlass, mögliche Veränderungen der Stressregulation unter längerfristigen Belastungen weiter zu erforschen.

Und sie erinnert daran, dass wir das Wohlbefinden eines Hundes nicht an einem einzelnen körperlichen Messwert festmachen können.

Im Alltag brauchen wir deshalb vor allem eines: Aufmerksamkeit für den individuellen Hund und dafür, wie er sich unter unterschiedlichen Bedingungen verhält.

Woran können wir erkennen, dass ein Hund belastet ist?

Die Reaktionen können sehr unterschiedlich aussehen.

Manche Hunde erschrecken besonders leicht oder beobachten ihre Umgebung nahezu ununterbrochen. Andere vermeiden bestimmte Orte, Menschen oder Berührungen.

Einige werden bei vermeintlich kleinen Auslösern plötzlich sehr heftig. Sie bellen, drohen oder versuchen, sich einen Ausweg zu verschaffen.

Andere reagieren mit Rückzug oder Erstarren.

Auch Veränderungen des Schlafverhaltens, der Aktivität, der Erkundungsfreude oder der Kontaktaufnahme können Hinweise darauf sein, dass es einem Hund nicht gut geht.

Dabei sollten wir vorsichtig bleiben, solche Beobachtungen unmittelbar als Traumafolgen einzuordnen.

Denn Schmerzen, Erkrankungen, chronischer Stress, mangelnde Gewöhnung und viele andere Faktoren können ähnliche Veränderungen auslösen.

Gerade nach einem Unfall oder einer schmerzhaften Erfahrung sollte deshalb auch geprüft werden, ob körperliche Beschwerden bestehen oder weiterhin bestehen.

Eine wichtige Frage lautet für mich nicht nur: Welches Verhalten zeigt der Hund?

Sondern auch:

Wann zeigt er es? Was geschieht unmittelbar davor? Welche Möglichkeiten hat er, die Situation zu beeinflussen? Und unter welchen Bedingungen gelingt es ihm, wieder zur Ruhe zu kommen?

Darin liegt häufig der Anfang eines besseren Verständnisses.

Wer lernen möchte, die kleinen Veränderungen vor einer deutlichen Reaktion wahrzunehmen, findet dazu auch in meinem Artikel „Wenn Stress sichtbar wird, bevor Verhalten groß wird“ weitere Beobachtungen.

Und ist das nun eine PTBS?

Die Frage, ob Hunde eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln können, beschäftigt auch die Veterinärmedizin.

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass außergewöhnlich belastende Erfahrungen bei Hunden längerfristige Veränderungen des Verhaltens und der Stressregulation auslösen können.

Traumabezogene Störungsbilder werden beispielsweise bei militärischen Diensthunden beschrieben und veterinärmedizinisch untersucht.

Die menschlichen Diagnosekriterien einer PTBS lassen sich allerdings nicht vollständig und unverändert auf Hunde übertragen. Vor allem subjektive Erlebnisse wie das bewusste Wiedererleben einer belastenden Erinnerung sind beim Hund nicht unmittelbar zugänglich.

Für unsere praktische Betrachtung ist aber zunächst etwas anderes entscheidend.

Ein Hund, der unter anhaltender Angst, außergewöhnlicher Anspannung oder belastenden Verhaltensreaktionen leidet, benötigt Aufmerksamkeit und gegebenenfalls fachliche Unterstützung.

Und zwar unabhängig davon, ob seine Schwierigkeiten eindeutig als Traumafolgestörung eingeordnet werden können.

Wir müssen nicht erst eine Diagnose haben, um das Leiden eines Hundes ernst zu nehmen.

Bei anhaltenden oder ausgeprägten Veränderungen ist eine tierärztliche, gegebenenfalls verhaltensmedizinische Abklärung wichtig. Sie hilft, gesundheitliche Ursachen zu erkennen und die weitere Begleitung sinnvoll abzustimmen.

Nicht die Vergangenheit verändern. Sondern die Gegenwart.

Wenn ich mit einem Hund arbeite, dessen Verhalten möglicherweise durch belastende Erfahrungen geprägt ist, interessiert mich zunächst, wie er heute lebt.

Was verunsichert ihn? Welche Situationen bringen ihn an seine Grenzen? Wann wirkt er entspannt oder neugierig? Was gelingt ihm bereits gut?

Und welche Rolle spielen die Menschen an seiner Seite?

Manchmal beginnt eine Veränderung damit, Anforderungen zu reduzieren.

Einen Spazierweg zu wählen, der weniger Begegnungen mit sich bringt. Dem Hund Abstand zu ermöglichen, statt auf Kontakt zu bestehen. Einen sicheren Rückzugsort anzubieten oder vertraute Abläufe vorhersehbarer zu gestalten.

Manchmal können kleine, freiwillige Lernerfahrungen helfen, wieder mehr Zutrauen zu entwickeln.

Und manchmal ist der wichtigste Fortschritt zunächst, dass ein Hund eine Situation nicht mehr aushalten muss, der er sich bisher nicht entziehen konnte.

In der wissenschaftlichen Diskussion gewinnt hier der Gedanke einer traumainformierten Begleitung an Bedeutung.

Eine Veröffentlichung von Corridan, Dawson und Mullan aus dem Jahr 2024 beschäftigt sich mit der Frage, wie entsprechende Ansätze die Untersuchung und Unterstützung von Hunden mit Angstproblemen verbessern könnten.

Im Kern bedeutet das, mögliche belastende Erfahrungen mitzudenken und das Vorgehen so zu gestalten, dass der Hund nicht erneut in Überforderung oder Hilflosigkeit gerät.

Dazu gehört für mich auch, seine Kommunikation ernst zu nehmen.

Wir sollten herausfinden, was er tatsächlich leisten kann und welche Unterstützung er dafür benötigt.

Und auch ein Hund mit belastenden Erfahrungen darf Freude am Lernen haben.

Neugierig sein. Spielen. Schnüffeln. Etwas ausprobieren und selbst herausfinden, wie eine Aufgabe funktioniert.

Solche Erfahrungen sind nicht automatisch eine Behandlung von Traumafolgen. Aber sie können wertvolle Möglichkeiten bieten, den Alltag eines Hundes positiv zu gestalten und seine eigenen Fähigkeiten zu fördern.

Genau deshalb gehören für mich Enrichment, Wahlmöglichkeiten und Selbstwirksamkeit ganz selbstverständlich zu gutem Hundetraining.

Und was ist mit den Menschen?

Wer mit einem Hund zusammenlebt, hat meistens auch Vorstellungen davon, wie dieses Leben aussehen soll.

Gemeinsame Spaziergänge, Ausflüge, Begegnungen mit anderen Hunden. Vielleicht ein Hund, der überall dabei sein kann. Oder einfach ein entspannter Begleiter im Alltag.

Und dann stellt sich heraus, dass vieles davon zunächst nicht möglich ist.

Manchmal zieht ein Hund ein, der bereits große Schwierigkeiten mit bestimmten Situationen hat.

Manchmal verändert sich sein Verhalten aber auch plötzlich. Nach einem Unfall, einer belastenden Erfahrung beim Tierarzt, einem Erlebnis in einer Hundepension oder einem Missgeschick im eigenen Zuhause.

Vielleicht war der Hund vorher unkompliziert und unbeschwert. Jetzt hat er Angst vor Dingen, die früher selbstverständlich waren.

Das kann verunsichern. Und manchmal kommt zur Sorge um den Hund auch ein schlechtes Gewissen.

Hätte ich besser aufpassen müssen? Hätte ich das verhindern können? War es falsch, meinen Hund dort betreuen zu lassen? Habe ich ihm zu viel zugemutet?

Es ist verständlich, nach Erklärungen zu suchen, besonders wenn wir Verantwortung für ein Lebewesen tragen, das uns viel bedeutet.

Aber nicht jedes Unglück lässt sich verhindern.

Auch eine notwendige medizinische Behandlung kann für einen Hund sehr belastend sein. Und selbst bei sorgfältiger Vorbereitung können Situationen entstehen, mit denen niemand gerechnet hat.

Natürlich sollten wir aus Erfahrungen lernen und verändern, was sich verändern lässt.

Wichtiger als die Suche nach Schuld ist jedoch die Frage, was der Hund jetzt braucht und wie wir seinen Alltag künftig besser gestalten können.

Hinzu kommen möglicherweise enttäuschte Erwartungen.

Vielleicht braucht dieser Hund zunächst vertraute Wege statt großer Ausflüge. Vielleicht ist der Besuch im Straßencafé noch keine gute Idee. Vielleicht muss er erst wieder lernen, bestimmten Situationen zu vertrauen.

Manchmal wird sogar das eigene Leben erheblich eingeschränkt.

Spaziergänge müssen geplant werden. Besuch zu empfangen wird schwierig. Der Hund kann nicht alleine bleiben. Begegnungen lösen bei beiden Anspannung aus. Vieles, was früher selbstverständlich war, braucht plötzlich Organisation und Aufmerksamkeit.

Dass solche Situationen Menschen stark belasten können, ist inzwischen auch wissenschaftlich untersucht.

Studien zur Belastung von Bezugspersonen verhaltensauffälliger Hunde beschreiben unter anderem Erschöpfung, Einschränkungen im Alltag, Unsicherheit und Schuldgefühle.

Man kann seinen Hund sehr lieben und trotzdem manchmal überfordert sein.

Man kann Verständnis für seine Schwierigkeiten haben und sich gleichzeitig wünschen, dass das gemeinsame Leben leichter wäre.

Das widerspricht sich nicht.

Deshalb gehört für mich zu einer guten Trainingsbegleitung immer auch der Blick auf den Menschen.

Welche Erwartungen bringt er mit? Was belastet ihn? Welche Möglichkeiten hat er im Alltag? Was kann er leisten, und wo braucht er selbst Unterstützung oder Entlastung?

Denn ein guter Weg muss nicht nur zum Hund passen.

Er muss für beide lebbar sein.

Der Mensch am anderen Ende der Leine hat auch ein Nervensystem

Noch einen Aspekt finde ich in diesem Zusammenhang besonders interessant: Wir beschäftigen uns viel damit, wie Hunde auf Stress reagieren.

Aber wie sieht es eigentlich bei ihren Menschen aus?

Wer wiederholt schwierige Situationen erlebt, entwickelt möglicherweise selbst eine erhöhte Aufmerksamkeit für mögliche Auslöser.

Der fremde Hund am Horizont wird früh entdeckt. Die Leine wird vorsorglich kürzer genommen. Vielleicht verändert sich die Atmung, noch bevor überhaupt eine Begegnung stattfindet.

Auch Menschen reagieren unter Belastung körperlich.

Und unsere eigenen Reaktionen können beeinflussen, wie wir Situationen wahrnehmen, Entscheidungen treffen und auf unseren Hund eingehen.

Das bedeutet nicht, dass wir mit unserer Anspannung die Schwierigkeiten des Hundes verursachen. Ebenso wenig ist es wissenschaftlich gesichert, dass bewusst ruhigeres Atmen des Menschen automatisch den Hund beruhigt.

Aber es lohnt sich, auch unsere eigene Regulation in den Blick zu nehmen.

Genau deshalb habe ich zusätzlich eine Ausbildung zur Atemtrainerin absolviert. Mich interessiert, wie wir Menschen unsere eigenen körperlichen Reaktionen besser wahrnehmen und beeinflussen können, um in schwierigen Momenten handlungsfähig zu bleiben.

Nicht als weitere Anforderung, immer vollkommen ruhig sein zu müssen.

Sondern als zusätzliche Möglichkeit, mit Belastungen bewusster umzugehen und den Hund unterstützend zu begleiten.

Wie Selbstregulation und Koregulation zwischen Mensch und Hund zusammenwirken können, ist ein spannendes Thema für sich.

Für mich beginnt es jedenfalls mit einer einfachen Erkenntnis:

Wir dürfen beide Seiten der Leine ernst nehmen.

Ein Hund ist mehr als das, was er erlebt hat

Wenn wir über Trauma sprechen, beschäftigen wir uns zwangsläufig mit belastenden Erfahrungen.

Mit Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit und den möglichen Folgen.

Aber ich finde, wir sollten darüber etwas anderes nicht vergessen.

Ein Hund ist nicht nur die Summe dessen, was ihm möglicherweise widerfahren ist.

Er hat Interessen, Vorlieben und Fähigkeiten. Er knüpft Beziehungen, entdeckt seine Umwelt, macht neue Erfahrungen und entwickelt sich weiter.

Manchmal in kleinen Schritten. Manchmal auf Wegen, die wir vorher nicht erwartet hätten.

Eine belastende Vergangenheit kann Einfluss darauf haben, wie ein Hund seine Umwelt wahrnimmt und welche Situationen ihm schwerfallen.

Sie bedeutet aber nicht, dass jede zukünftige Entwicklung bereits feststeht.

Und wir müssen auch nicht jedes Detail seiner Geschichte kennen, um heute etwas für ihn verändern zu können.

Vielleicht vermutest Du bei Deinem eigenen Hund, dass frühere Erfahrungen eine Rolle spielen. Vielleicht kennst Du ein bestimmtes Ereignis, nach dem sich sein Verhalten verändert hat. Oder Du beobachtest Schwierigkeiten, für die Du bislang keine Erklärung findest.

Du musst nicht schon wissen, warum Dein Hund so reagiert, bevor Du Dir Unterstützung suchst.

Wir können gemeinsam genauer hinschauen: auf das, was ihn belastet, auf seine Fähigkeiten, auf Eure Möglichkeiten im Alltag und auf die kleinen Veränderungen, die für Euch beide einen Unterschied machen können.

Und dabei einen Weg entwickeln, der Sicherheit gibt, Handlungsmöglichkeiten eröffnet und wieder mehr Freude am gemeinsamen Leben zulässt.

Ein Hund hat eine Vergangenheit. Aber er ist nicht seine Vergangenheit.


Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur

Espinosa, J. et al. (2025).
Influence of early life adversity and breed on aggression and fear in dogs. Scientific Reports, 15, 32590.
Originalstudie

Buttner, A. P., Awalt, S. L. & Strasser, R. (2023).
Early life adversity in dogs produces altered physiological and behavioral responses during a social stress-buffering paradigm. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 120(1), 6–20.
Originalstudie

Foltin, S., Kostenko, S., Hartwig, A.-D. & Glenk, L. M. (2026).
War Exposure and Canine Cortisol Responses: Country Differences in Cortisol Profiles of Therapy Dogs. Animals, 16(3), 381.
Originalstudie

Corridan, C. L., Dawson, S. E. & Mullan, S. (2024).
Potential Benefits of a ‘Trauma-Informed Care’ Approach to Improve the Assessment and Management of Dogs Presented with Anxiety Disorders. Animals, 14(3), 459.
Wissenschaftlicher Übersichtsartikel

Kuntz, K., Ballantyne, K. C., Cousins, E. & Spitznagel, M. B. (2023).
Assessment of caregiver burden in owners of dogs with behavioral problems and factors related to its presence. Journal of Veterinary Behavior, 64–65, 41–46.
Originalstudie

Kogan, L., Currin-McCulloch, J. & Bogie, V. (2026).
Beyond the Behavior: Caregiver Guilt, Burden, and Well-Being Among Owners of Dogs with Behavior Problems. Pets, 3(2), 22.
Originalstudie

Fachlicher Hintergrund: Aus- und Weiterbildungen zu Aggressionsverhalten und Trauma-Kompetenz Hund, insbesondere bei Dr. Sandra Foltin, Maria Hense und weiteren Referentinnen und Referenten sowie die Weiterbildung „Narben auf der Seele – Leben und arbeiten mit traumatisierten Hunden“ bei Dr. Iris Aicher.

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung oder verhaltensmedizinische Diagnostik.

← Alle Beiträge von „Genauer hingeschaut“
← Vorheriger Beitrag Eine Muffinform, ein paar Kekse und die Freude am Entdecken
Pfotenrocker

Du möchtest gemeinsam genauer hinschauen?

Erzähl mir, was Euch gerade beschäftigt. Du musst noch nicht genau wissen, welches Angebot das richtige ist – das finden wir gemeinsam heraus.

Training anfragen